|
WINFRIED
KIRSCH
EIN
PLÄDOYER FÜR EINE SEMANTISCHE ANALYSE:
Franz
Schuberts Impromptu c-Moll, op. 90,1 (D 899,1)
|
Die
Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann
und
worüber zu schweigen unmöglich ist.
(Victor
Hugo)
1.
Semantische Analyse
Unter
einer semantischen Analyse eines Musikstücks ist zu verstehen:
die Erschließung der Bedeutung des jeweiligen musikalischen
Materials und seiner Fügungen, d.h. des materiellen Einsatzes im
Detail und des musikalischen Ablaufs, des musikalischen Prozesses.
Die
semantische Analyse setzt somit eine genaue Beschreibung des
musikalischen Materials (und seiner Parameter Melodik, Harmonik,
Rhythmik, Dynamik, Form etc.) voraus. Darüber hinaus unterstellt
sie dem Einzelnen wie dem Ganzen eines Musikstücks eine
Sinngebung, ohne sich auf das brüchige Feld einer platten
Hermeneutik zu begeben, eine Sinngebung, die über die autonomen
kompositorischen Bedingungen, etwa der zeit- und
individualstilistischen oder gattungsgeschichtlichen Vorgaben,
hinausgeht. Die Schlüssigkeit einer semantischen Interpretation
fundiert also auf der Konstitution und Aussagekraft des musikalischen
Materials.
Bei
einer semantischen Analyse geht es um eine Entschlüsselung der
Zeichen, welche die Musik setzt, um die Verbalisierung der
Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Die Zeichen liefert
uns das musikalische Material und dessen historisches Topos-Arsenal.
Wie diese Zeichen kann auch das Bezeichnete sehr vielfältiger
Natur sein. Es kann sich zum Beispiel im Extremfall ganz auf den
energetischen musikalischen Ablauf beschränken (etwa in der
Etüde) oder spezifische emotionale Befindlichkeiten offenbaren
(wie in der romantischen Instrumentalmusik).
Eine
semantische Analyse ist somit in den meisten Fällen auch eine
Ausdrucksanalyse und geht von der Voraussetzung aus, daß Musik
allemal Mitteilungscharakter hat. Die semantische Analyse widersetzt
sich also letztendlich der Idee einer „Absoluten Musik“, einer
Musik, die nur sich selbst meint.
Mit
meinem Plädoyer für eine semantische Analyse beziehe ich
also eine Gegenposition zur heute weitverbreiteten
material-fetischistischen Sicht nicht nur von avantgardistischer,
sondern auch von älterer Musik. Ich trete damit ein für
eine aus dem überlieferten Notentext und seines
kulturgeschichtlichen Kontextes abgeleitete enge Verbindung von
Materialanalyse und ästhetischer Interpretation; etwa unter der
Maxime: „Beschreibe nichts, was Du nicht zu erklären vermagst“
(zumal wenn es sich um eine Gattung wie das Lyrische Klavierstück
handelt).
2.
Schuberts Lyrische Klavierstücke
Schubert
wandte sich vor allem erst in seinen beiden letzten Lebensjahren
(1827/28) dem Lyrischen Klavierstück zu, einer Gattung, die seit
etwa 1810 (u.a. mit Tomaschek und Worzischek) in Mode gekommen war.
So
entstanden:
1827:
2 mal 4 „Impromptus“ op. 90 (D 899) und op. 142 (D 935)
1823-1828:
2 mal 3 „Moments Musicaux“ op. 94 (D 780)
1828:
3 „Klavierstücke“ (Impromptus) aus dem Nachlaß (D 946)
Die
Impromptus Schuberts decken ein breites formalstilistisches,
kompositionstechnisches und ausdrucksästhetisches Feld ab.
Da
finden sich u.a.:
große
3-teilige ABA-Formen mit kontrastierenden Mittelteilen (op.
90,2 u. 4; op. 142,2)
die
3-teilige Reihungsform ABC-ABC (op. 90,1 u. op. 142,1)
die
fantasieartige 1-teilige Liedform (op. 90,3)
die
Scherzo-Form (op. 90,4)
die
Variationsform (op. 142,3; Rosamunde)
Darunter
sind:
etüdenhafte
Stücke (op. 90,2 u. 3 u. 4)
Stücke
mit Fortspinnungsmelodik (op. 90,3)
liedartige
Stücke (op. 90,3; 142,2 u. 4)
tanzartige
Charakterstücke (wie op. 142,4)
fantasieartige
Kompositionen (wie op. 90,1)
Das
zu seiner Zeit neue Lyrische Klavierstück „Impromptu“ bot
Schubert also ein reiches, vor allem von der Sonate formunabhängiges
kompositorisches Betätigungsfeld, auf dem er mehr oder weniger
ungebunden „seinen eigenen Ideen folgen“ konnte.
3.
Zum Begriff „Impromptu“
Der
seit etwa 1816 in der Klavier-Literatur belegbare Titel „Impromptu“
besteht auch für das den ersten Zyklus (op. 90) eröffnende
c-Moll-Stück Schuberts zu recht, obwohl der Titel bei diesem und
dem zweiten Stück in Es-Dur ursprünglich nicht von Schubert
stammt, sondern – wohl in Anlehnung an die 1822 erschienenen
„Impromptus“ op. 7 von Worzischek - von dem Verleger Haslinger im
Erstdruck von 1827 (neben der Opus-Zahl 87!) hinzugefügt wurde.
Schubert selbst übernahm erst für die folgenden Stücke
(op. 90,3-4 und op. 142) diesen Titel.
Mit
dem Begriff „Impromptu“ verbindet sich – fußend auf der
Tradition französischer literarischer Gattungen seit dem 17.
Jahrhundert – die Idee eines spontanen, ex tempore und ex improviso
geschaffenen Charakterstücks, das „sich bewußt durch den
Gestus des Skizzenartigen auszeichnet oder aber durch die Benennung
den Eindruck einer stegreifartigen Verfestigung suggeriert“.
Der
Begriff „Impromptu“ impliziert also das Improvisatorische, das
Fantasieartige, den spontanen Einfall, die „momentane Eingebung“,
die „Unkontrollierbarkeit des [kompositorischen] Vorgangs im Sinne
des schöpferischen Instinkts“.
Freilich
verfestigte sich auch in den Schubertschen Impromptus – übrigens
wie in den instrumentalen „Fantasien“ der Zeit – die spontane,
freie Gestaltung unter den Bedingungen vorgegebener,
allgemeingültiger Formkategorien, so daß der Titel
„Impromptu“ letztlich doch zu einem gattungsmäßigen
Sammelbegriff wird. Immerhin aber treten gerade in Schuberts op.
90,1, die mit dem Begriff „Impromptu“ per se verbundenen
Wesensmerkmale noch so offenkundig in Erscheinung, daß sie
zweifelsfrei die Grundlage einer semiotischen Interpretation dieser
Musik abgeben können. Das gleiche gilt für die eigenartige
formale Konzeption des Stückes.
4.
Zur formalen Konzeption von op. 90,1
Das
c-Moll-„Impromptu“ op. 90,1 nimmt, wie schon Walter Riezler
betont, „eine besondere Stellung“ ein. Riezler schreibt: „Es
ist ein zwar freies, aber mit höchster Kunst zu einer Einheit
zusammengeschlossenes Stück, [...] entwickelt aus einem sehr
fruchtbarem Thema, das immer neue Gebilde aus sich gebiert, als
Ganzes eine der vollkommensten Gestaltungen Schuberts, trotz der
Breite des Melodischen von größter Konzentriertheit“.
Diese
am Material orientierte Charakterisierung des Impromptus bedarf einer
detaillierteren Sicht dessen, was in dieser Komposition musikalisch
eigentlich geschieht.
Die
großformale Konzeption des „Impromptu“ op. 90,1 besteht aus
einer doppelten Reihung dreier Teile A-B-C mit diversen
Überleitungsabschnitten sowie einer Schlußgruppe.
Der A-Teil besteht aus einer mehrmals wiederholten und variierten
8-taktigen Periode. Die B- und C-Teile leiten sich thematisch aus den
jeweils vorangehenden Teilen ab, ohne aber ihre inhaltliche
Selbständigkeit zu verleugnen. Dadurch und nicht zuletzt durch
die Reprise der A-B-C-Reihung sowie durch die thematische Dominanz
des A-Teils auch in den „Überleitungen“ und in der
Schlußgruppe, wird der Eindruck einer permanenten, variierten
Wiederholung des anfänglich gesetzten Themas vermittelt.
Dieses
Impromptu ist jedoch keineswegs ein „gänzlich monothematisches
Stück“, wie Andreas Krause
meint, eher schon, wie Thomas Kahlcke schreibt, „eine Art Fantasie
über ein immer wieder in neuer Gestalt auftauchendes Thema“,
mit einem „Intensivieren und Ausschöpfen durch permanentes
Variieren einer Idee“, mit einem „Durchspielen verschiedenster
Stimmungsnuancen mit einem und demselben Objekt“.
Soviel
zum großformalen Befund des Stückes, dessen Detailstruktur
nun zu verfolgen ist, wobei es um die Aufdeckung der semantisch zu
interpretierenden Zeichen geht, die uns der musikalischen Ablauf
bietet.
5.
Interpretation der Zeichen
Schon
die Temponahme entscheidet über die Interpretation des Stückes.
Die Vorschrift „Allegro molto moderato“ scheint auf den
ersten Blick mehrdeutig. Gemeint ist wohl: Allegro – molto
moderato (ein sehr gemessenes Allegro, eine mäßige
Lebhaftigkeit). Alfred Brendel schreibt zu dieser Tempovorschrift im
allgemeinen: „Moderato, eine von Schubert
bevorzugte Tempobezeichnung, ist meist als ruhiges Fließen,
also als ein gemessenes Allegro, zu verstehen. Molto
moderato [allein] würde sich einem keineswegs
schleppenden Allegretto nähern“.
Dieses vermeidet Schubert in seinem op. 90,1, da Allegretto
„nicht nur ein Zeitmaß meint, sondern auch einen bestimmten
Charakter“, ein Tänzeln oder Schlendern. Brendel wählt
wohl ganz richtig ein Zeitmaß von Viertel = ca. 88, und kommt
mit seiner Einspielung des Stückes
von 1997 unserer Interpretation sehr entgegen.
Die
Grundtonart c-Moll des Impromptus ist zur Zeit Schuberts bereits
semantisch besetzt. Nach Christian Friedrich Daniel Schubart bedeutet
c-Moll „Schmachten, Sehnen, Seufzen“,
ist c-Moll also Ausdruck einer Depression. Johann Joachim Quantz
spricht von einem „traurigen Affekt“.
Schließlich steht c-Moll aber auch für das Kämpferische,
Heroische, für die „Tragik des Irdischen“.
Damit ist die Ausdrucksbasis unseres Impromptu bereits fixiert.
Außergewöhnlich
ist schon der Beginn des Stückes: Es wird eröffnet durch
ein fermatiertes, über drei Oktaven sich erstreckendes,
isoliertes G im Fortissimo, das – wenn es lange genug
ausgehalten wird – am Klavier von selbst decrescendiert. Eine
solche „Einleitung“ erinnert natürlich zunächst nicht
nur an ähnliche „Habacht“-Initien der klassischen Sinfonik
seit Haydn, sondern auch an einige entsprechend beginnende
Instrumentalwerke Schuberts selbst.
Auch
die darauf folgende Vorstellung einer allein erklingenden Melodie als
eigentlicher Satzbeginn ist aus Schuberts großer
C-Dur-Symphonie (D 944) und vor allem aus der h-Moll-Symphonie (der
„Unvollendeten“) bekannt. Im Falle unseres c-Moll-Impromptus
scheint jedoch eine subtilere Interpretation angebracht. Nach der im
überlieferten „Entwurf“ Schuberts
übrigens noch fehlenden, außerhalb der Periodik stehenden,
allmählich verklingenden Fortissimo-Oktave erweckt die
4-taktige Pianissimo-Melodie den Eindruck, als klänge sie
wie aus der Ferne zu uns herüber, wie in unsere, von dem
Fortissimo-G fixierte Gegenwart eingeblendet. Das Ganze
hat einen geradezu visionären oder auch traumhaften Charakter.
Auch
die zunächst noch unentschiedene Tonalität – das
oktavierte G entpuppt sich erst mit dem Es im dritten
Takt als Dominante der c-Moll-Grundtonart – vermittelt den
Höreindruck einer von woandersher erklingenden Stimme. Erst der
vollstimmige Nachsatz der 8-taktigen Periode (T. 6) schließt –
natürlich auch regelgerecht – in T. 9 kadenziell in c-Moll.
Die
Melodie, die da so allein auf sich gestellt ertönt, gibt das
rhythmische Grundschema für den gesamten A-Teil ab. Ihre
Beschränkung auf fünf nahe beieinander liegende Töne,
ihr häufiger Gebrauch eines punktierten Rhythmus und ihr
ostentatives Schreitmotiv in Form eines 3-fachen d’‘ im
2. Takt (im „Entwurf“ auch im 3. Takt), sodann die
blechbläsersatz-ähnliche Ausharmonisierung des periodischen
Nachsatzes (T. 5ff.) im vorgeschriebenen Staccato, alles dies
läßt keinen Zweifel daran, daß hier – gleichsam
noch aus der Ferne – ein Marsch zu hören ist, der sich, auch
bei seiner in die Oberterz versetzten variativen Wiederholung (ab T.
9/10ff.), eines Alternierens zwischen einem Solo-Instrument und einem
Tutti-Satz bedient. Die dynamische Stabilität sowie die
rhythmisch und satztechnisch uniforme Struktur verleihen dieser Musik
bereits hier einen geradezu unerbittlichen, ja makabren Zug.
Die
folgende, im „Entwurf“ ebenfalls noch nicht vorhandene
Wiederholung des 16-taktigen Eröffnungsabschnittes (T. 17-33),
des an sich „Immergleichen“, verstärkt diesen
Ausdruckscharakter. Hinzu kommt hier allerdings eine fülligere
Ausharmonisierung mit verminderten Sept-Nonen-Akkorden und die
sukzessive Einbeziehung der oktavierten Baßregion. Die Dynamik
setzt hier bereits mit einem Piano an, in das in T. 21 ein
Forte und in T. 29 schließlich das Fortissimo
einbricht. – Hier beginnt die anfänglich ausdrucksmäßig
so bescheiden wirkende Melodie ihr marzialisches Potenzial
auszuspielen.
Der
punktierte Rhythmus ist ein weitverbreiteter Topos; er steht
einerseits für das Majestätische, Königliche;
andererseits gilt der punktierte Rhythmus häufig als
Todessymbol.
Handelt
es sich im Schubertschen „Impromptu“ also um einen Trauermarsch,
dessen Klänge da aus der Entfernung näher kommen? Ich
scheue mich, eine solch konkret-programmatische Identifikation hier
vorzunehmen. Denn schon der A-Teil des Impromptus verweist doch eher
auf eine Vision, auf eine psychische Befindlichkeit, die gleichsam
sukzessiv ins Bewußtsein tritt und mit einer Unerbittlichkeit
(starrer Marschrhythmus), Ausweglosigkeit (permanente Wiederholung
eines Vier-, bzw. Achttakters), mit Tragik, Schmerz und Tod (c-Moll)
zu tun hat.
Eine
8-taktige Schlußphrase (T. 33/34ff.) beschließt formal
den A-Abschnitt und leitet zu dem B-Teil (T. 41/42ff.) über.
Inhaltlich geht diese Schlußphrase jedoch weit über die
Bedeutung einer „Überleitung“ hinaus. Bietet sie doch einen
weiteren Anhaltspunkt für unsere zuvor entwickelte
Interpretation. Hier kommt es zu einer mit Sforzati angereicherten
Fragmentierung der Melodie, zu einem momentanen Stillstand, zunächst
im Fortissimo und dann im Piano und Pianissimo,
der Anfangs-Dynamik des Impromptus, verbunden mit der Modulation nach
As-Dur (T. 40/41). Das Ganze geschieht im Sinne eines Ausblendens der
durch den A-Teil vermittelten Erfahrung, und des Einblendens einer
anderen Sphäre, einer anderen Sicht der Dinge. Die Komposition
bietet uns hier einen Mutationsvorgang par excellence.
Der
nun folgende B-Teil erscheint daher auch nur äußerlich wie
eine Variation des bisher Erklungenen. Seine Funktion ist die einer
subtilen Entgegensetzung, im Sinne einer Umdeutung des bisher
Erfahrenen. Zwar klingt der A-Teil hier noch nach. So beginnt der
B-Teil motivisch ähnlich wie jener; aber eben nur ähnlich:
Die
Staccato-Diatonik dort weicht hier einem ausgreifenden
Dreiklangs-Initium, dem eine neue, rhythmisch geglättete
Legato-Melodisierung folgt.
Auch
die strenge Periodisierung des A-Teils scheint hier beibehalten;
jedoch ist die regelmäßige Viertaktigkeit der Vorder- und
Nachsätze dort, hier zum Teil durch fünftaktige
Abschnitte, im Sinne eines Aufbrechens starrer metrischer Diktion,
ersetzt. Dieses Herausbrechen aus der periodischen Enge, aus dem
Geordneten, ist für Schuberts Musik allgemein bezeichnend
und ist mit einer melodie-phänomenologischen Beschreibung
allein nicht zu erklären.
Die
mehrfache Wiederholung der Perioden im A-Teil ist an sich auch im
B-Teil gegeben; der Eindruck des unerbittlich Immergleichen dort
wird aber hier im B-Teil nicht nur gemildert, sondern geradezu
ersetzt durch die Verlagerung von Melodie in immer neue
Klangbereiche sowie durch diverse Oktavierungen.
Der
starre gleichrhythmische Satz des A-Teils mutiert zu einer
satztechnisch gelockerten „Zweistimmigkeit“, bestehend aus der
Melodie und einer diese begleitenden Triolierung, die einen
harmonisch chanchierenden Klangteppich ausbreitet. Die Marschmelodie
wird hier also nicht nur verändert, sondern geht in einer neuen
klanglichen Sphäre auf.
Und
vor allem: Aus dem c-Moll des A-Teils wird hier As-Dur, im Grunde
eine recht traditionelle Kombination. Nun ist As-Dur aber eine etwas
doppeldeutige Tonart. Zum einen heißt es bei Christian
Friedrich Daniel Schubart, es sei der „Gräberton“, er
bedeute „Tod, Verwesung, Gericht, Ewigkeit“.
– Zum anderen ist uns aus Beethovens Oeuvre As-Dur bekannt als
Tonart der „Innerlichkeit“, des „Weihevollen“, ja des
„Transzendenten“. So bezeichnet Hermann Beckh As-Dur auch als
Tonart des „Lichts in der Finsternis“, als eine Tonart, zu der
Schubert „ein besonders tiefes und inniges Verhältnis“
gehabt habe, und in der sich „die geheimsten und innigsten Tiefen
seines Wesens, seiner Innerlichkeit“ öffnen.
Diese
semantische Doppeldeutigkeit von As-Dur deckt sich nun genau mit der
Funktion des B-Teils, der – wie wir sahen – ein Loslösungsversuch
aus der starren, unversöhnlichen Sphäre des Marsches im
ersten Teil des Impromptus, quasi eine Vision der „Schönen
Kehrseite“ darstellt, ohne jedoch seine Herkunft aus dem A-Teil zu
verleugnen: Man beachte u.a. die momentane Moll-Alteration des f
zu fes in T. 48 sowie die harmonischen Ausweichungen nach des-
und ces-Moll in T. 67-70.
Die
aufblühende, den Klangraum erweiternde Melodie des B-Teils
verheißt diese Lösung, die schließlich in dem
gleichsam befreienden C-Teil ab T. 74 kulminiert, der auch als eine
logische Fortsetzung des B-Teils betrachtet werden kann, sich
ausschließlich dessen vorangehender Kadenzfloskel
dialogisierend bedient (der Dialog fungiert hier als ein bejahendes
Element), und der in Verbindung mit der nunmehr triolischen
Akkordrepetition in der linken Hand die weiteste Distanz zur
anfänglichen Marsch-Melodie fixiert.
Nach
einem 5- plus 8-taktigen Überleitungssatz (T. 83-95) erfährt
dann (ab T. 96) die ganze dreiteilige Entwicklung – unter erneuter
Bezugnahme auf das Marsch-Thema - eine variative Wiederholung. Das
heißt, der Wandlungsprozeß vom Marsch zur „Schönen
Melodie“ erfolgt noch einmal, allerdings wesentlich intensiviert.
Oder andersherum gesehen: Jetzt wird deutlich, daß die Schöne
Melodie, das schöne Klangspiel in den Teilen B und besonders C
des ersten Durchgangs – wie bei Schubert so häufig – bereits
einer Gefährdung unterlag. „Das sicher Scheinende ist nicht
sicher“.
Was nach dem ersten ABC-Durchgang folgt, ist daher auch mehr als eine
konventionelle variative Reprise. Die die Marschmelodie begleitenden,
nunmehr ostinaten, bohrenden orgelpunktartigen Ton-Repetitionen in
der Reprise des A-Teils münden, verstärkt mit Sforzati
(T. 100f.) und Martellato-Tongebungen (T. 112ff.), in
passus duriusculus-artigen chromatisierten Abwärts- und
Aufwärtsbewegungen und verwandeln die sachliche Diktion des
Marsches vom Anfang des Impromptus nunmehr in einen finsteren,
geradezu diabolischen Ausdruck.
Diese
verstärkte Hervorkehrung des Marsch-Potenzials schlägt sich
auf die Reprise des B-Teils (T. 125ff.) nieder, der jetzt in g-Moll
(statt As-Dur) erklingt und gleichzeitig – im Sinne einer
potenzierten Entgegensetzung – mit einer belebteren, geradezu
gelöst tänzerischen figurativen Umkleidung (in
Sechzehntel-Gruppen) ausgestattet ist. Diese schlägt jedoch ab
T. 139 zeitweise in wild-erregte, synkopisch nachschlagende Akkorde
um. Deutlicher kann man die dialektische Hinterfragung der in der
Exposition des Impromptus zunächst eindeutig erscheinenden Teile
A und B nicht auskomponieren. Erst die Reprise des C-Teils (T.
152ff.), jetzt in hellem C-Dur, ansonsten unverändert, erscheint
ausdrucksmäßig wieder von jedem Zweifel frei.
Nach
der diesmal nur 8-taktigen Überleitungsgruppe (T. 161-168) folgt
nochmal so etwas wie eine zweite Reprise des Marsches. Allerdings
erklingt dieser ab T. 168 abwechselnd in C-Dur und c-Moll, bis die
Entwicklung in T. 186 über immer noch bedrohlich wirkende
Orgelpunkte gleichsam mit einer mehrtaktigen Fragegeste (T. 186-189)
zum Stehen kommt.
Auch
die Schlußgruppe des Impromptus (T. 193ff.) übernimmt die
Zwielichtigkeit des Dur-Moll-Wechsels. Mit dieser Doppelgesichtigkeit
und schließlich im reinen kadenziellen C-Dur, mit satten
C-Dur-Akkorden, löst sich die Vision des Marsches im dreifachen
Piano auf, wobei noch viermal (T. 194f. u. 198f.) mit einem
oktavierten G im Piano-Pianissimo deutlich auf den
Fortissimo-Beginn des Impromptus hingewiesen wird. Der im
Verlauf des Stückes so viel Negativität provozierende
Marsch verschwindet dorthin, wo er herkam, nachdem ihm im B- und
C-Teil die positive Kehrseite gegenübergestellt wurde. Und doch
bleibt die Gegenüberstellung letztlich unentschieden. Dem so
versöhnlich erscheinenden C-Dur-Ausklang des Impromptus haftet,
nach den vorangehenden Erfahrungen, etwas Vorläufiges an.
*
Nur
mit Einschränkung möchte ich im Hinblick auf dieses
Impromptu der auf Schuberts Musik insgesamt bezogenen Idee Theodor W.
Adornos
vom Wanderer folgen, dem „allein begegnen unverändert,
aber anderen Lichtes die gleichen Partien wieder“. Im Gegenteil:
Die beschriebenen Phantasiegebilde scheinen sich in diesem Stück
auf den ruhenden Betrachter hin zu bewegen. Zutreffend für op.
90,1 dagegen scheint mir die folgende Beobachtung Adornos: „Die
Wiederholbarkeit des Schubertisch Einzelnen entspringt aus seiner
Zeitlosigkeit, wandelt sich aber in Zeit zu deren materialer
Füllung“. Gerade die innere „Zeitlosigkeit“ des
musikalischen Ablaufs verbietet es uns, dem Opus 90,1 ein
außermusikalisches narratives Programm zu unterlegen. Handelt
es sich bei dieser Komposition Schuberts doch eher um einen
klanggewordenen Gedankengang, vielleicht um bitteren Tod und heiterem
Leben, außerhalb von Zeit und Raum.
So
tut sich in diesem zunächst relativ bescheiden anmutenden
Klavierstück Schuberts eine psychisch grundierte Gedankenwelt
auf, werden existentielle Einsichten vermittelt, denen mit einer
konventionellen Materialanalyse allein nicht beizukommen ist. Denn
diese Musik wurde sicher nicht um ihrer selbstwillen komponiert. –
Wie schrieb doch Robert Schumann1833: „Das wäre eine kleine
Kunst, die nur klänge, und keine Sprache noch Zeichen für
Seelenzustände hätte“.
|
|