|
|
PETRA
ZIMMERMANN
GUSTAV
MAHLERS MUSIKALISCHE FAUST-INTERPRETATION
IN
SEINER ACHTEN SYMPHONIE
|
Gustav
Mahlers Achter Symphonie für Chor,
Gesangssolisten und
Orchester, in der er den lateinischen Pfingsthymnus Veni
creator
spiritus und die Schlussszene aus Goethes Faust II vertont,
war bei ihrer Uraufführung im Jahre 1910 ein triumphaler
Erfolg
beschieden: Eindrucksvoll berichtet u.a. Paul Stefan von den
Beifallsstürmen und Huldigungen nach dem Verklingen des
letzten
Tones und stellt fest: „Mahler hatte, so schien es, die
Höhe
seines Lebens und seines Ruhmes erreicht“.
Anders sah es lange Jahre mit der Bewertung der Symphonie der
Tausend (so benannt nach der Zahl der Aufführenden)
in der
Musik- und Literaturwissenschaft aus: Mahler habe sich
„erhabene[n]
Gegenstände[n]“ an die Fersen geheftet, die ihm
dabei zum
„Bildungsgut neutralisiert seien“,
die Kombination der beiden Texte sei ein „–
theologisch wie
poetisch – fast absurde[r] Einfall“,
und überhaupt werde der Text für die Musik
„eher zur Last
als zum Gewinn“, da die Musik von sich aus fähig
sei,
„ästhetische Gehalte zu vermitteln“.
Diesen Äußerungen, die Mahlers Wahl der Texte, deren
Kombination und Vertonung in der Mustergattung absoluter
Instrumentalmusik, der Symphonie, ins Zentrum der Kritik stellen,
möchte ich drei Thesen entgegensetzen und im Folgenden
näher
ausführen:
-
Mahler nimmt in seiner Achten
Symphonie mittels einer sich vom Wort entfernenden
Vertonungsweise, die ich an anderer Stelle als
‚Wort-Kontrapunktik’ bezeichnet habe, eine
musikalische Faust-Interpretation vor –
Interpretation hier verstanden in musikalischem und hermeneutischem
Sinne als musikalischer Vortrag und als Deutung.
-
Nicht ohne Grund verwirklicht er seine Faust-Interpretation
in der Gattung der Symphonie und nicht, wie es Goethe selbst
vorgeschwebt hatte, in einer Oper.
-
Er bereitet seine Faust-Interpretation
inhaltlich und strukturell im I. Teil der Symphonie, der Vertonung des
lateinischen Pfingsthymnus, vor und schafft durch musikalische Mittel
Bezüge zwischen den beiden Texten, so dass die Vereinigung
dieser beiden auf den ersten Blick disparaten Texte sinnvoll erscheint.
Die
Loslösung vom Wort
Mahler
bedient sich in seiner Achten Symphonie
mannigfaltiger
kontrapunktischer Techniken, wobei er sich jedoch nicht nur auf die
herkömmliche Kontrapunktik beschränkt (beispielsweise
die
Doppelfuge im 1. Teil ab Ziffer 46), sondern das kontrapunktische
Prinzip auch auf die Textbehandlung überträgt.
‚Punctus
contra punctum’ werden Textzeilen oder Varianten einer
Textzeile
gegeneinander gesetzt. Dadurch entsteht ein dichtgewobenes Netz von
sprachlichen Bausteinen, das nicht mehr als Text, sondern vor allem
als (Sprach-)Klang wahrgenommen wird.
Die
Übertragung von musikalischen kontrapunktischen Prinzipien auf
die Ebene des Textes vollzieht sich in der Symphonie in mehreren
Stadien und erreicht bei der Vertonung des Chorus mysticus
ihren Höhepunkt. Mahler löst hier einzelne Worte oder
gar
Silben aus dem Textzusammenhang heraus und setzt die
Textbruchstücke
in den verschiedenen Stimmen gegeneinander. Dabei ist die Vertonung
besonders der letzten Zeile des Chorus mysticus,
„Das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan“, in den einzelnen Stimmen so
unterschiedlich gestaltet, dass man von gegenseitiger
Kontrapunktierung sprechen kann. Diese unterschiedliche Gestaltung
bezieht sich vor allem auf die Zeitdauer: Einzelne Wörter oder
Silben werden durch lang angehaltene Töne oder Melismen
gedehnt,
so dass sich zeitweilig nur die Vokale als klingende Wortbestandteile
gegenüberstehen.
Beispiel
1: 8. Symphonie, II. Teil, Takt 1471-1478
Tabelle
1. 8. Symphonie, II. Teil, Takt 1471-1478. Die Kontrapunktierung der
Worte
Die
Betonung des klanglichen Elements wird in der instrumentalen
Einleitung, in der das Klaviaturglockenspiel Celesta eine
ungewöhnliche Klangfarbe erzeugt, und durch die dem Chor
vorgeschriebene Artikulation „wie ein Hauch“
unterstützt.
Mahlers
Verfahren, sich vom Text zu lösen und die Worte in ihre
klanglich-musikalische Dimension zu überführen, mag
auf den
ersten Blick als Ignoranz des Komponisten gegenüber dem Text
erscheinen. Doch zeigt sich, dass Mahler gerade durch diese den Text
scheinbar missachtende Kompositionstechnik eine Faust-Interpretation
vorlegt, die in Goethes Text selbst begründet ist.
Um
Mahlers Verständnis des Chorus mysticus
und des Faust
insgesamt genauer zu eruieren, können
wir auf einen Brief
Mahlers an seine Frau, drei Jahre nach der Komposition der Achten
Symphonie verfasst, zurückgreifen, in der er die
Schlussworte des Faust II folgendermaßen
paraphrasiert:
Alles
ist nur ein Gleichniß[!], für
Etwas, dessen
Gestaltung nur ein unzulänglicher Ausdruck
für das
sein kann, was hier gefordert ist. Es läßt sich eben
Vergängliches wol[!]
beschreiben; aber [was] wir fühlen,
ahnen, aber nie erreichen werden (also was hier ein
Ereigniß[!] werden kann), eben
das hinter allen
Erscheinungen Dauernde, unvergängliche ist unbeschreiblich.
Die
Unbeschreiblichkeit des Ereignisses, die Mahler in dieser Briefstelle
heraushebt, und damit das ‚Versagen’ der Sprache
angesichts
dessen, was im Faust vor sich geht, macht Mahler
durch die
Überführung des Textes in Musik deutlich. Dass Goethe
selbst die Schwierigkeit empfunden hat, die Errettung Faustens mit
Worten darzustellen, erweist sich durch folgende, von Eckermann
belegte Bemerkung Goethes:
Übrigens
werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der
geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war und
daß
ich, bei so übersinnlichen, kaum zu ahndenden Dingen, mich
sehr
leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich
nicht
meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen
christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine
wohltätig
beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.
Die
„christliche-kirchlichen Figuren und Vorstellungen“
lösen
bei Goethe das Dilemma der eigentlichen Nicht-Darstellbarkeit. Sie
sind Hilfsmittel − oder, um mit Albrecht Schöne zu
sprechen,
„poetische Surrogate“
− um etwas zu beschreiben, was im Grunde
„unbeschreiblich“ ist.
Oper
oder Symphonie?
Es
ist bekannt, dass Goethe eine Vertonung des Faust II wünschte,
und zwar in Form einer Oper. In den Gesprächen mit
Goethe
schnitt Eckermann mehrmals das Thema der Vertonbarkeit an, was von
Goethe in unterschiedlicher Weise aufgegriffen wurde. Mal sieht er
die musikalische Umsetzung des Faust II als
realistisches
Unterfangen an:
Es
müßte einer sein […], der wie Meyerbeer
lange in Italien
gelebt hat, so daß er seine deutsche Natur mit der
italienischen Art und Weise verbände. Doch das wird sich schon
finden, und ich habe keinen Zweifel; ich freue mich nur, daß
ich es los bin.
Nur
zwei Wochen später finden wir eine skeptischere Haltung in
dieser Frage:
Es
ist ganz unmöglich […]. Die Musik
müßte im
Charakter des „Don Juan“ sein; Mozart allein
hätte den
„Faust“ komponieren müssen. Meyerbeer
wäre vielleicht
dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen;
er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.
Zweierlei
kann man diesen Bemerkungen entnehmen: Zum einen die Vorstellung,
dass die Vertonung des Faust II in Form einer Oper
zu erfolgen
hätte (wie Mozarts Don Juan), zum anderen
die
Wertschätzung des Komponisten Giacomo Meyerbeer als des
einzigen
zeitgenössischen Komponisten, der dafür in Frage
käme.
Nun muss man wissen, dass Meyerbeer ein Schüler Carl Friedrich
Zelters war, den Goethe menschlich und künstlerisch
überaus
schätzte, was durch seinen langjährigen Briefwechsel
mit
Zelter belegt wird.
Zelter vertonte zahlreiche Gedichte von Goethe in Form von
Klavierliedern, die wohl deshalb großen Beifall bei Goethe
fanden, weil Zelter die Musik dem Text unterordnete und nicht, wie
Goethe dies am so genannten durchkomponierten Klavierlied eines Franz
Schubert bemängelte, die Musik über den Text stellte.
Wenn
Goethe nun einem Zelter-Schüler die Aufgabe einer
Faust-Vertonung am ehesten zutraut, so
ist zu vermuten, dass
er dabei auch an die von Zelter vertretene Position der
Priorität
des Textes über die Musik gedacht haben mag.
Die
Gattung der Symphonie dagegen, die Mahler für seine Vertonung
auswählte, lässt sich mit der Vorstellung von einer
Dominanz des Textes nur schwer vereinbaren. Sie ist
ursprünglich
die Gattung der reinen, absoluten, d.h.
von jeglichem
programmatischen Inhalt befreiten Musik. Als solche wurde sie vor
allem von den Romantikern, namentlich von den Schriftstellern
Wackenroder und Tieck, hoch gepriesen. Gerade das Unbestimmte, Vage
der Instrumentalmusik sei es, was ihren Reiz ausmache und das Reich
des Unendlichen eröffne:
In
der Instrumentalmusik aber ist die Kunst unabhängig und frei,
sie schreibt sich nur selbst ihre Gesetze vor, sie phantasiert
spielend und ohne Zweck, und doch erfüllt und erreicht sie den
höchsten, sie folgt ganz ihren dunkeln Trieben und
drückt
das Tiefste, das Wunderbarste mit ihren Tändeleien aus.
Innerhalb
der Instrumentalmusik ist es wiederum die Symphonie, die bei
Wackenroder und Tieck den höchsten Rang einnimmt:
Diese
Symphonien können ein so buntes, mannigfaltiges, verworrenes
und
schön entwickeltes Drama darstellen, wie es uns der Dichter
nimmermehr geben kann, denn sie enthüllen in
rätselhafter
Sprache das Rätselhafteste […].
Geradezu
widersinnig muss es erscheinen, dass Mahler nun durch die Hereinnahme
eines Textes die Absolutheit der symphonischen Gattung
zerstört.
Es stellt sich die Frage, warum Mahler überhaupt die
Schlussszene aus Faust II vertonte und aus welchem
Grund er
ausgerechnet die Gattung der Symphonie dafür
auswählte. Die
erste Frage beantwortet Mahler ganz im Sinne Goethes, der, wie oben
angedeutet, selbst die Schwierigkeit empfand, seine Intentionen
dichterisch darzustellen:
Die
Unzulänglichkeit der Künste in ihrer Vereinzelung hat
schon
Goethe empfunden. Besonders tritt dies in Faust zutage, wo alle
möglichen Stellen, völlig bewußt, nach der
Musik als
ihrer Ergänzung und ihrem Ausdruck verlangen. Auf der anderen
Seite ist Beethoven, von der Musik aus, in seiner Neunten ebenfalls
zu Rande mit den Tönen, wie Goethe mit den Worten
[…]
Während
Beethoven „zu Rande mit den Tönen“ war und
deshalb im
Schlusssatz seiner Neunten Symphonie Schillers Ode
an die
Freude vertonte, war Goethe nach Mahlers Ansicht umgekehrt
„zu
Rande mit den Worten“. Nicht die Musik verlangt nach dem
„erlösende[n] Wort“,
wie Mahler es noch im Zusammenhang mit seiner Zweiten
Symphonie
formulierte, sondern das Wort nach der Musik.
Warum
aber gerade die Gattung der Symphonie? Zerstören der Text und
die menschliche Singstimme nicht den Absolutheitsanspruch der Musik?
In Mahlers Symphoniekonzept ist dies nicht der Fall, denn er sieht in
der Hereinnahme der menschlichen Stimme eine Bereicherung des
Instrumentariums durch das „schönste Instrument, das
es
gibt“.
Eine Symphonie, „die von Anfang bis zu Ende durchgesungen
wird“,
empfand Mahler als „das Ei des Kolumbus“, als
„Sinfonie an
sich“.
Wohlgemerkt ist hier nur von einer Bereicherung des Instrumentariums
durch die menschliche Stimme und nicht von einer Bereicherung der
Musik durch das, was die Singstimme übermittelt,
nämlich
die Dichtung, die Rede. Die Singstimme als Instrument − dies
zeigt
sich sowohl in dem hohen technischen Schwierigkeitsgrad, der dem Chor
und den Gesangssolisten in der Achten zugemutet
wird, als auch
in der gezeigten, auf Herauslösung des Sprachklanges
gerichteten
Vertonungsweise des Textes.
Die
Idee, dass man Instrumentalklang und menschliche Stimme vereinigen
müsse, um zu einem ‚Ganzen’ zu kommen, hat
Mahler
möglicherweise von Richard Wagner übernommen. Dieser
betrachtete die menschliche Stimme als „das menschliche Herz
und
dessen abgeschlossene, individuelle Empfindung“,
während der
Instrumentalklang die „wilden, in das Unendliche
hinausschweifenden
Urgefühle“
wiedergebe. Durch die Vereinigung der beiden Sphären werde es
dem menschlichen Herzen ermöglicht, „die
frühere
unbestimmte Ahnung des Höchsten, zum göttlichen
Bewußtsein
umgewandelt, klar in sich zu fühlen“.
Auch Mahler strebt eine solche Universalität an, und zwar in
der
den Kosmos widerspiegelnden Symphonie:
Ich
habe eben meine 8. vollendet. – Es ist das
Größte, was
ich bis jetzt gemacht. Und so eigenartig in Inhalt und Form,
daß
sich darüber gar nicht schreiben läßt.
– Denken Sie
sich, daß das Universum zu tönen und zu klingen
beginnt.
Es sind nicht mehr menschli[che] Stimmen, sondern Planeten und
Sonnen, welche kreisen.
Diese
Auffassung von der Symphonie als Abbild des Universums findet sich in
vielen Äußerungen Mahlers, so z.B. „Aber
Symphonie heißt
mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt
aufbauen“
,
oder „Nun aber denke Dir ein so großes
Werk, in
welchem sich in der Tat die ganze Welt spiegelt
− man ist,
sozusagen, selbst nur ein Instrument, auf dem das Universum
spielt“.
Er bewegt sich hier in der Vorstellungswelt der Musica mundana,
einer Musik der Sphären, die aus der Bewegung der einzelnen
Planeten entsteht und den Kosmos als harmonische Weltensymphonie
erklingen lässt.
Diese Vorstellung geht auf die antike Musiktheorie zurück, war
aber auch im Mittelalter, der frühen Neuzeit und wieder in der
Romantik lebendig,
aus deren Dichtungen der sehr belesene Mahler seine Anschauung
bezogen haben mag. Die Sphärenharmonie ist eigentlich
unhörbar,
doch findet sie in der Harmonie von menschlicher Seele und
Körper
(Musica humana) und in der tatsächlich
erklingenden
Musik, der Musica instrumentalis, ihr Abbild.
Mahlers Musik
erhebt nun den Anspruch, die Sphärenharmonie hörbar
zu
machen und in die „andere Welt“ (wie es Mahler
selbst nennt)
vorzudringen, die für Mahler dort beginnt, wo die Reichweite
der
Wortsprache endet:
Ich
weiß für mich, daß ich, solang ich mein
Erlebnis in
Worten zusammenfassen kann, gewiß keine Musik
hierüber
machen würde. Mein Bedürfnis, mich
musikalisch-symphonisch
auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen
walten, an der Pforte, die in die „andere Welt“
hineinführt
[…].
Während
Goethe seinen Faust in einer Gattung, die dem Text
einen hohen
Rang einräumt, musikalisch verwirklicht sehen wollte,
führt
Mahler die ihm unzulänglich erscheinende Wortsprache dem zu,
wonach sie selbst im Innersten verlangt: der Musik, genauer der
Symphonie als Abbild des Universums.
Veni
creator spiritus
Der
Kühnheit seines doppelt schwierigen Unterfangens, sich
einerseits an Goethes Faust II heranzuwagen,
andererseits die
traditionelle Gattung der Symphonie aufzubrechen, war sich Mahler
wohl bewusst, wenn er in dem oben zitierten Brief auf die
Andersartigkeit seiner Achten hinweist. Ein
symbolisches
‚Kräfteholen’ stellt die
Gegenüberstellung der
Faust-Vertonung mit dem ersten Satz der Achten,
der
Vertonung des lateinischen Pfingsthymnus Veni creator spiritus
dar. Nicht nur wird hier die Herauslösung des Sprachklanges
bereits vorbereitet, sondern es wird auch der
‚Schöpfergeist’
in profanisierter Bedeutung um Hilfe gebeten. Es lässt sich
belegen, dass Mahler den ‚creator spiritus’ auf das
eigene
künstlerische Schaffen bezieht: So unterschrieb er die Widmung
eines Skizzenblattes zur Achten Symphonie mit den
Worten
„Spiritus creator“,
und in einem Rückblick auf die Entstehung des Werkes berichtet
er Folgendes:
Und
vor 4 Jahren gieng [!] ich am ersten Ferialmorgen in mein
Häuschen
in Maiernigg hinauf mit dem festen Vorsatz, mich in diesen Ferien
[…]
recht auszufaulenzen und Kräfte zu sammeln! - Beim Eintritt in
das altgewohnte Arbeitszimmer packte mich der spiritus creator und
schüttelte und peitschte mich 8 Wochen lang bis das
Größte
fertig war.
Wenn
Mahler also im 1. Teil seiner Symphonie den
„Schöpfergeist“
anruft („Komm, Schöpfer Geist, kehre ein bei den
Deinen“),
so könnte man dies als Bitte um Inspiration verstehen.
Die
Bedeutung des Hymnus beschränkt sich aber nicht nur auf dieses
eine Sinnelement, wodurch der I. Teil dann lediglich zu einer Art
Vorspiel für den II. Teil degradiert würde. In ihm
findet
sich auch ein Schlüssel zu Mahlers Faust-Interpretation,
was an musikalischen Korrespondenzen ablesbar ist, mit denen Mahler
die beiden Teile miteinander verbindet. Dies betrifft vor allem die
Vertonung der Textzeilen „Accende lumen sensibus, / Infunde
amorem
cordibus“ („Entzünde deine Leuchte unseren
Sinnen, / Ströme
deine Liebe in unsere Herzen“) und der Parallelstelle aus dem
II.
Teil auf den Text „Gerettet ist das edle Glied/Der
Geisterwelt vom
Bösen:
/ Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir
erlösen“
(Chor der Engel).
Beispiel
2: 8. Symphonie, I. Teil, Ziffer 55
Beispiel
3: 8. Symphonie, II. Teil, Ziffer 56
Dass
in dieser Parallelsetzung der Schlüssel zu Mahlers
Faust-Verständnis liegt, hat
Mahler selbst hervorgehoben:
„Diese Stelle bei accende lumen sensibus
– da geht die
Brücke hinüber zum Schluß des Faust.
Diese
Stelle ist der Angelpunkt des ganzen Werkes“.
Mahler verbindet hier die Vorstellung von der Errettung von Faustens
Seele mit der im Pfingsthymnus angesprochenen Liebe, indem er den
entsprechenden Textpassagen die gleiche musikalische Gestalt
unterlegt. Die Hervorhebung der Liebe als Grundvoraussetzung
für
Erlösung
deckt sich mit Goethes eigener Auffassung: „In diesen Versen
[gemeint ist der Chor der Engel] ist der Schlüssel zu Faust
Rettung enthalten: in Faust selbst eine immer höhere und
reinere
Tätigkeit bis ans Ende, und von oben die ihm zu Hülfe
kommende ewige Liebe.
Wie
Albrecht Schöne gezeigt hat, beruht Goethes im Faust
artikulierter Erlösungsgedanke weniger auf der
christlich-orthodoxen Vorstellungswelt, in der über Faust
Gericht gehalten worden wäre, als vielmehr auf der
frühchristlichen Wiederbringungslehre, die eine
„liebende,
versöhnende Rückführung zu Gott“
verkündet: die dem Göttlichen entfremdete Seele kehrt
zur
All-Einheit zurück. Mahler bewegt sich gedanklich in
ähnlichen
Bahnen, wenn er in seiner Symphonie die menschliche Stimme in die
Harmonie des Kosmos eingliedert und die Vorstellungen von Errettung
und Liebe durch musikalische Mittel aneinander bindet.
*
Durch
sein Verfahren, Sprache in Musik umzuwandeln, verwirklicht Mahler
sein Konzept von einer Symphonie, die „alles
umfassen“
soll, und führt damit Goethes Faust-Dichtung
in eine
Sphäre, in der sich Sinn nicht durch Worte
erschließt,
sondern im Bereich des Unsagbaren bleibt. So wie sich Goethe auf die
„uneigentlichen Zeichen“ (christliche Figuren und
Vorstellungen)
stützt, um die „letzten Dinge“ zu
beschreiben,
muss sich auch Mahler indirekter Mittel bedienen, um den Sinn zu
verdeutlichen. Zum einen geschieht dies durch die Vertonung in der
Gattung der Symphonie, die Mahler als Abbild des Universums begreift,
in der auch die menschliche Stimme ihren Platz findet – genau
wie
auch das Individuum Faust wieder zu Gott
zurückgeführt
wird. Zum anderen bedient sich Mahler des Pfingsthymnus, um den
Goetheschen Text durch musikalische Mittel zu kommentieren: Mahler,
der Faust-Kommentaren ablehnend
gegenüberstand,
hat damit in seiner Achten Symphonie selbst einen
musikalischen Faust-Kommentar geschaffen.
______________________
|
|